26.08.2010 19:31 | Von unserem Korrespondenten Gerd Höhler

Tot, aber die Rente läuft weiter

ATHEN
Eine griechische Pensionärin protestiert gegen staatlich verordnete Rentenkürzung.Foto: dpa

Griechenland, das Rentnerparadies – hartnäckig hält sich dieses Vorurteil: ein Volk von faulen Frührentnern, die auf einer Parkbank dösen oder ihre Tage in der Taverne beim Tavlispiel vertrödeln. Und das alles auf Kosten der Europäer, die diesen Müßiggang mit Hilfskrediten finanzieren müssen. Wie gesagt: ein Vorurteil.

Tatsächlich liegt das mittlere Renteneintrittsalter in Griechenland bei 61,4 Jahren und entspricht damit genau dem EU-Mittelwert. Selbst die fleißigen Deutschen arbeiten im Schnitt nur drei Monate länger als die Griechen. Richtig ist allerdings auch: Mit etwas Geschick konnte man bisher als Staatsbediensteter in Griechenland schon mit Mitte 50 in Pension gehen.

Tief in den roten Zahlen

Aber nicht nur deshalb stecken die griechischen Rentenkassen tief in den roten Zahlen. Natürlich ist für die Rentenfinanzen wichtig, wann jemand in Rente geht. Genauso wichtig ist aber, wie lange er sie bezieht. Ein heikles Thema: Wer wünscht einem Pensionär nach einem mühsamen Arbeitsleben nicht ein langes, erfülltes „drittes Lebensalter“, wie die Griechen den Ruhestand nennen.

Das Renteneintrittsalter kann man gesetzlich vorschreiben, den Austritt kaum. Könnte man es, stünde die griechische Rentenversicherung sicher besser da. Denn die Hellenen sind erstaunlich langlebig – zumindest in den Akten der Rentenversicherung. Im Rahmen der Haushaltskonsolidierung, die das hoch verschuldete Land vor dem Staatsbankrott bewahren soll, lässt Arbeits- und Sozialminister Andreas Loverdos jetzt alle Rentenempfänger in einer zentralen Datenbank erfassen. Eine erste Überprüfung ergab, dass es in Griechenland rund 8500 Rentenempfänger gibt, die über 100 Jahre alt sind. Da stutzt man. In Deutschland leben rund 10 000 Hundertjährige. Allerdings gibt es dort 7,5-mal so viele Einwohner wie in Griechenland. Überdies liegt die statistische Lebenserwartung in Griechenland sogar leicht unter der Deutschlands.

Staatsanwaltschaft eingeschaltet

Noch erstaunlicher ist deshalb, dass es in Griechenland mehr als 500 Rentenbezieher gibt, die über 110 Jahre alt sind. Eine Überprüfung ergab: mindestens 321 von ihnen sind längst tot. Arbeitsminister Loverdos hat jetzt die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Bevor nun ganz Europa aufheult und sich über den griechischen Rentenbetrug erregt, sollte man fairerweise festhalten: derartige Unregelmäßigkeiten gibt es auch anderswo. In Japan zum Beispiel. Dort kamen die Behörden kürzlich dem 111-jährigen Rentner Sogen Kato auf die Spur. Nach intensiver Befragung räumten die Angehörigen des Greises ein, dass sie zwar seine Rente kassieren, ihn aber seit sage und schreibe 32 Jahren nicht mehr gesehen hätten – bis sie im Frühjahr zufällig in seinem Bett ein mumifiziertes Skelett entdeckten.

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